Le Havre, Weltkulturerbe

Der Vulkan, Platz Oscar Niemeyer

Der Platz Oscar Niemeyer

Der Gebäudekomplex von Oscar Niemeyer befindet sich am Ende des Handelsbeckens ‘Bassin du Commerce‘, eines der wichtigsten Gegenden des Zentrums. Er steht auf einem quadratischen Platz mit 120m Seitenlänge und ist im Süden, Norden und Westen von Wohnhäusern im Perret Stil umgeben. Niemeyer wollte diesen Gebäudekomplex nicht unabhängig von der orthogonalen Architektur machen. Er spielt mit den Gegensätzen von Masse, Ebene und Größe und war sich der Wirkung seines Werks auf das städtische Umfeld bewusst.

Volumen und potentielle Möglichkeiten des Betons

Schon bei seinen ersten Entwürfen schlug Niemeyer kein großes dichtes sondern zwei kreisförmige Gebäude vor, die auf eine große Platte in einem tiefer liegenden Forum gesetzt wurden. Geschäfte mit Markisen aus Beton, Restaurants, Informationsstände und Kindertagesstätte sollten sich zwischen den beiden Gebäuden drängen und verbinden. In 3,50m Tiefe wurden die Fußgänger von einem leicht gewellten Vordach geschützt. Die freischwingende Platte wurde so gelegt, dass es aussah, als ob die beiden weißen Gebäude aus dem Untergrund zu kommen scheinen. Die Verschlankung der Gebäude nach oben verstärkte diesen Gedanken und verleihte Schwung. Niemeyer hatte den Platz abgesenkt, und so eine völlig neue Struktur geschaffen, die dem Klima (Wind vom Meer) und der Umgebung (Harmonie der Wohnhäuser um den Platz) gerecht wurde. Es sollte ein Platz mit mehreren verschiedenen architektonischen Dimensionen sein: die Fußgänger hatten mehrere Perspektiven, sie konnten von oben auf den Platz sehen oder sich unten bewegen. Niemeyer hatte bewiesen, dass seine architektonische Sprache, die er im warmen Brasilien entwickelt hatte, auch hier in Le Havre zum Ausdruck kommen konnte. Das Ziel Niemeyers war es, die Bodenfläche so frei wie möglich zu lassen und alles Nebensächliche verschwinden zu lassen.

Zwei unter dem Forum liegende Untergeschosse (neben den runden Strukturen) beherbergen Parkplätze.

Sein Entwurf bestand aus zwei Gebäuden, eines hoch und massiv, das andere diskreter und offener. Diese Lösung war typisch für Niemeyer, der gerne Volumen nach ihren Aufgaben einteilte und sie scheinbar nicht miteinander verband, wie zum Beispiel der Sitz der französischen kommunistischen Partei in Paris und das Arbeitsamt in Bobigny. « Gibt es zwei Gebäude, dann besteht ein Raum zwischen ihnen, dieser Raum existiert und gehört zu ihrer Architektur dazu », gab er bekannt. Der blinden und unsymmetrischen Fläche des Theaters steht die regelmäßige, durchlöcherte Fassade des Mehrzwecksaales gegenüber. Schmale Öffnungen sollten natürliches Licht in die Eingangshalle, den Bar- und Aufenthaltsräumen und in die Büros bringen, künstliches Licht sollte diffus einfallen.

Die Verschalung bestand aus sandgestrahlten Holzplanken, um den rohen Aspekt der Gebäude innen und außen zu unterstreichen. Die Fassade wurde weiß gestrichen, der Belag besteht heute aus ‚Revcoat

Drei Fußgängerrampen führten ins Forum: zwei davon breit mit schwacher Neigung und eine in Spiralform. Die Wendeltreppe sollte ohne Stützen hängen, aber ein Pfeiler musste unterstellt werden. Ihre Form entsprach dem privilegierten architektonischen Vokabular Niemeyers (Rampen in der Ehreneingangshalle des Palast Itamaraty oder der zeremonielle Salon im Palast Planalto in Brasilia).

Der Eingang des Forums führte in eine weite Empfangshalle und zum Kino. Zwei Treppen führten in den für das Publikum bestimmten Salon des Theaters. Dieser Raum wurde durch automatische Türöffnungen in der Fassade des Großen Vulkans direkt von der Straße aus zugänglich gemacht. Der erste Entwurf sah ein völlig neues Theaterkonzept mit Drehbühne vor. So hätte das Publikum während der Aufführung verschiedene Beobachtungsmöglichkeiten gehabt. Diese Idee reizte Niemeyer, denn sie verlangte neue theaterspezifische Recherchen. Das System wurde aber nicht angewandt, und die Bühne stand wie im klassischen Theater (Szenenöffnung 27,50 m lang, 8,50 m hoch). Das Amphitheater des Saales hatte die Form einer Muschelschale. Das gesamte Volumen des Gebäudes, dessen Wände roh belassen wurden, wurde von der Szene und dem Publikumssaal eingenommen. Im Gegensatz dazu hatte der polyvalente Saal eine halbzylindrische und halb trapezförmige Form. Seine runde freie Saalfläche war modulierbar, und Zuschauer konnten vor und hinter der Bühne sitzen, um sie herumlaufen oder ihr gegenüber stehen.

Niemeyer hatte auch eine Innenatmosphäre geschaffen: die Sitze des Theatersaals bildeten einen farbigen Untergrund und im Foyer reflektierten Rauchglasspiegel das Licht auf mysteriöse Art. Der skulpturale Brunnen an der Außenwand des Großen Vulkans wurde nach einem Abdruck der Hand von Oskar Niemeyers kreiert. Die Innschrift war ein Zitat des Architekten, das als Legende unter einer Skizze des Haus der Kultur handschriftlich geschrieben stand.

Die Architektur des Gebäudes war eine technische Meisterleistung. Die Baukörper wurden aus Beton (40000m3 waren nötig) gefertigt. Der hohe Grundwasserspiegel und der nahe Meeresspiegel erforderten auf etwa einem Hektar den Bau eines Auffangdamms, bestehend aus einem Gürtel aus 22m hohen vorgeformten Wänden. 115000m3 Erdarbeiten waren nötig um die Form des künftigen Gebäudes zu bilden. 239 Gründungspfähle stellten das Fundament des Gebäudes.

Niemeyer hat bei diesem Werk, wie für seine Kapelle im Morgenrotpalast (1958-1960) und seine Metropolitan Kathedrale in Brasilia (1959-1970), doppelte Kurven verwendet. Die beiden Superkonstruktionen haben eine hyperbelparabolische Hülle aus Beton.

Der kleine Vulkan (‘Petit Volcan’) wurde wie ein Hyperboloid aus einer dünnen schrägen Hülle aus Beton konzipiert, bestehend aus einer Fläche, die sich durch Rotation um ihre eigene Achse dreht und mit der Grundfläche verbunden ist. Sein Volumen wurde symmetrisch aber mit einer variablen Krümmung der Wände geplant. Spezielle Metallformen, angepasst an die unregelmäßigen Strukturen, mussten dafür hergestellt werden.

Der Große Vulkan, (‘Grand Volcan’) wurde als ein parabolisches Hyperboloid konzipiert dessen Hyperbel auf einer vertikalen Ebene, die den Symmetrieplan des Baukörpers darstellt, verläuft. Der Baukörper besteht aus horizontalen Kreisen mit unterschiedlichen Diametern, deren Zentren auf der Hyperbel liegen. Das Gebäude wurde mit einem tubenartigen Gerüst gebaut, mit einer Ummantelung bespannt, das als Leitfaden und Unterstützung für die externe Verschalung diente und im Unterteil der Struktur seinen Ansatz hatte. Die äußere Verschalung bestand aus Paneelen, die eine Metallstruktur mit variabler Geometrie abdeckten.

Um eine Deformation des Gebäudes zu verhindern, wurden Studien über thermische Ausdehnung durchgeführt. Pläne und Entwürfe wurden mit dem Informatikprogramm « HERCULE », einem abgeleiteten NASA Programm (Agentur EGI), berechnet. Windstärke, Temperatur, Sonneneinfall wurden in allen Berechnungen einkalkuliert. Die Wand hatte letztendlich eine Dicke, die am unteren Ende doppelt so dick war wie oben. Horizontalkräfte wurden durch den Fußboden im Untergeschoss durch eine hohle Stahlbetondecke von 60cm Stärke aufgefangen. Die Wandung bekam Schall- und Wärmedämmung, eine Feuchtigkeitssperre aus Bitumen und eine wasserundurchlässige Farbschicht. Die Technik der « wasserdichten Wand » war damals brandneu.

Während der Bau voranschritt, änderten sich die Techniken. Jede einzelne Bauphase musste genauestens vorbereitet und neue Arbeitsgruppen eingearbeitet werden. Während der Bauzeit wurde diese innovative Baustelle oft von Architekten, Ingenieuren und Bautechnikern aus der Baubranche besucht.

Oscar Niemeyers architektonische Poesie

Oscar Niemeyers Bau kann als künstlerisches Werk angesehen werden. Seine dynamische Ausstrahlung lädt zu einer städtischen und architektonischen Promenade einlädt. Die Wahrnehmung seiner Baukörper im Raum verändert sich kontinuierlich, entsprechend der Bewegung des Betrachters. Der Vulkan ist charakteristisch für Niemeyers plastische Ausdrucksweise, die seine Konstruktion in eine bewohnbare Skulptur verwandelt. Vollständig aus unterschiedlichen Kurven zusammengesetzt, bildet das Haus der Kultur einen Kontrast mit der umliegenden orthogonalen Architektur im Allgemeinen und der städtischen Umgebung von Le Havre im Besonderen. Es bietet einen Kontrast zum strukturellen Klassizismus von Perret und dem Typus französischen Wiederaufbaus. Diese Architekturen verstärken sich gegenseitig: die eine ist orthogonal und majestätisch, die andere frei und flüssig. Ein Dialog entsteht zwischen den beiden Meistern des Stahlbetons. Der Vulkan belebt mit der Brücke von Guillaume Gillet das Handelsbecken ‚Bassin du Commerce‘, indem ein ästhetischer Schock in die sich wiederholende Landschaft des rekonstruierten Zentrums kreiert wird. Die weißen Volumen indizieren bei Passanten die Idee eines Schornsteines von einem Ozeandampfer. Niemeyer beschreibt den Vulkan als « etwas nicht barockes, aber mit viel Freiheit ». Für den brasilianischen Architekten waren die neuen technologischen Möglichkeiten der Weg zu modernen Formen der Schönheit und Poesie.

Slideshow

Vogelansicht des Volcans
Der Volcan
der Volcan, innen
Inauguration de l'Espace Oscar Niemeyer