Le Havre, Weltkulturerbe

Le Havre 1657

Auf den Spuren der Vorkriegsstadt

Um den neuen Stadtplan der wiederaufgebauten Stadt zu verstehen, ist es sinnvoll, sich ihrer Genese zuzuwenden, die mit der Gründung an der Seine Mündung in der Normandie begann. Durch ihre strategische Position, den Handel mit Waren aus der ganzen Welt und als Drehscheibe des wirtschaftlichen Lebens entwickelte sie sich mit der Zeit zu einer wichtigen Hafenstadt.

Ihre Gründung

Anfang des sechzehnten Jahrhundert, profitierten die nördlichen Städte Europas von der Verlagerung des Handels vom Mittelmeerraum zum Atlantik. Auch die Französische Krone wollte an dieser Bewegung teilnehmen und vom Zustrom der unglaublichen Reichtümer, die die Schiffen aus der Neuen Welt mitbrachten, profitieren. Durch die Versandung der mittelalterlichen Häfen von Harfleur und Honfleur im Mündungsbereich der Seine benötigte der junge König François 1. einen neuen Hafen, der gleichzeitig seine Flotte vor Angriffen auf das Königreich von dieser Seite der Normandie aus verhindern sollte. Am 7. Februar 1517 wurde der Admiral Bonnivet beauftragt einen neuen Hafen‘ im Caux-Land zu bauen. Der königlichen Befehl wurde an den Grafen ‚Du Chillou‘, Hafenkapitain aus Honfleur, weitergeleitet. Dieser wählte als Standort die Bucht der ‚Gnade‘, “Lieu de Grâce”, zukünftiges Becken ‚Bassin du Roy‘. Ein Kanal sollte als Verbindung zwischen Meer und dem Becken entstehen und der erste Spatenstich im kieselsteinigen Küstenbereich des Perrey wurde am 16. April 1517 ausgeführt. Am 8. Oktober 1517 wurde die Geburtsurkunde der Stadt ’Havre de Grâce’ von François 1. unterzeichnet und am 6. August 1520 begab sich der König zum ersten Mal in die von ihm gegründete Stadt, in der westlich vom Bassin du Roy (im Notre-Dame Viertel) ein paar Häuser errichtet waren. 1523 waren die Arbeiten zum Bau des Hafens beendet. In der Zwischenzeit hatten sich schon erste Handelsbeziehungen zwischen Marokko und Brasilien entwickelt. 600 Menschen lebten zu dieser Zeit hinter Befestigungsanlagen in der Stadt. In den folgenden Jahren nahm ihre Zahl ständig zu und erreichte etwa 5000 Einwohner im Jahre 1540.

Erweiterung und Entstehen des Saint-François Viertels 1541

Der neue Hafen an der Mündung der Seine wurde, sowohl strategisch als auch kommerziell gesehen, von großer Bedeutung. Doch die Sumpflandschaft und der schlechte Boden behinderten die Entwicklung der Stadt. König François 1. sah aufgrund dieser schwierigen Situation die Notwendigkeit, städtebauliche Projekte wie in der italienischen Renaissance durchzuführen. Im Januar 1541 beauftragte er Jérôme Bellarmato, Im Januar 1541 beauftragte er Jérôme Bellarmato, das Notre-Dame Viertel neu zu strukturieren und eine Erweiterung im Osten der Stadt zu schaffen. « Es sollte wie Venedig werden, aber mit weniger Kanälen ». Bellarmato plante für das neue Saint-François Viertel einen rechtwinkligen Grundplan (mit beidseitig doppelt breiten Straßenrändern für die Kanalisation). Die neuen Stadtmauern wurden 1551 fertiggestellt. Die Stadt, offen für alle Einflüsse, stand der Reform nicht entgegen. In der Zeit unter Admiral Coligny, ‚Grand Amiral de France‘, fuhren viele Protestanten von hier, um Kolonien in Amerika zu gründen. Der Vertrag von Hampton-Court, der am 20. September 1562 von der englischen Königin Elisabeth und französischen Protestanten unterzeichnet wurde, gestattete 3000 englischen Soldaten unter dem Kommando von Warwick den Einzug in die Stadt. Nach einer katastrophalen Belagerung wurde die Stadt im Juli 1563 vom französischen König Karl 9. wieder eingenommen. Die Zeiten waren schlimm, die Pest trieb ihr Unwesen, der Hafen war eine Ruine. Im September 1603 wurde der französische König Henri 4. in Le Havre empfangen. Dieser unterstützte durch Gelder den Wiederaufbau des Hafens und ließ den Handel neu aufleben.

1626-1852 : Handelshafen und Militärhafen teilen sich die Stadt

Im Jahre 1626 wurde Richelieu, Minister unter Ludwig dem 13., Gouverneur der Stadt Le Havre. Er gab Anweisungen, die Befestigungsanlagen der Stadt zu verstärken, darunter die Erstellung eines monumentalen Stadttors und einer Zitadelle. Dadurch bekamen die Stadt und ihr Hafen zwei Jahrhunderte lang einen militärischen Charakter. Zur gleichen Zeit unterstützte die Regierung Händler und ermunterte diese, Reeder zu werden und sich dem Kolonialhandel zuzuwenden. Exotische Waren (Kaffee, Zucker, Gewürze, Baumwolle) kamen nach Le Havre, wurden gelagert und dann nach ganz Europa verteilt. Die Unternehmen der ‘Compagnie du Sénégal‘ und der ‚Compagnie des Indes‘ ließen sich in Le Havre nieder. Der Handel mit Amerika (Brasilien, Peru) und den Antillen brachte vielen Arbeit. Diesen wirtschaftlichen Aufschwung konnte man auch an der Erstellung neuer Gebäude sehen. Der Justizpalast (heute das Museum) und eine Handelsbörse wurden gebaut. In der Stadt entstanden vornehme Häuser, die ‚Hôtel Particulier‘, doch die Stadt war übervölkert. Eingezwängt hinter Stadtmauern wurden Häuser erhöht, Hinterhöfe bebaut, und das Leben in der Stadt, in der häufig Epidemien ausbrachen, war sehr ungesund. Kurz vor der Revolution gab es in Le Havre 20000 Einwohner. Die Ärmsten mussten vor den Stadtmauern in Hütten oder auf dem Land um Graville wohnen. Die reichen Händler bauten sich schöne Villen oberhalb der Felsenküste.

Der Hafen entwickelte sich zu einem der vier großen Kolonialhäfen Frankreichs und war das Vorratslager für Paris und Rouen geworden. Um den immer größeren Schiffsverkehr aufzunehmen und der Bevölkerungsdichte gerecht zu werden, wurden Pläne entworfen, die Stadt und den Hafen zu vergrößern. Der Ingenieur François-Laurent Lamandé zeichnete einen neuen Stadtplan mit orthogonalen Wohninseln parallel zum neuen Hafenbecken, das ‚Bassin du Commerce‘. Dazu verschob er die Stadtmauern 500 m weiter nach Norden, die die Grundfläche der Stadt wurden dadurch verdoppelt. In seinem Projekt war die Ausgrabung der Becken ‚Commerce’und ‚Barre‘ vorgesehen. Die großflächigen Arbeiten Lamandés wurden, verzögert durch die Revolution und die unter Napoleon erfolgte Blockade der englischen Armee, erst 1830 fertig. In der folgenden Zeit war der Hafen hauptsächlich durch den Handel mit Baumwolle, den Walfischfang und den Transport von Emigranten von Bedeutung. 1829 wurde die Funktion als Militärhafen offiziell beendet (Cherbourg blieb Militärhafen). Die Zugstrecke Paris - Le Havre wurde 1847 eröffnet. Der wirtschaftliche Aufschwung zog eine immer grösser werdende Bevölkerungsschicht an, und wiederum wurden Stadt und Hafen zu klein.

1852,  Industrialisierung und Ausdehnung der Stadt

Durch kaiserlichen Erlass durfte die Stadt 1852 ihre Stadtmauern abreißen. Ihre Grundfläche wurde um ein Neunfaches vergrößert, die Bevölkerung erreichte 60000 Einwohner. Die Stadt dehnte sich im Norden bis zu den Felsen aus. Die Abrissarbeiten dauerten von 1854 bis 1864 und ermöglichten den Bau großer Verkehrsstraßen, die noch heute in Le Havre bestehen. Als Napoleon der 3. am 5. August 1857 die Stadt besuchte, war der Boulevard Strasbourg, der auf dem nördlichen Teil der Stadtgräben gebaut wurde, schon vollendet. Alle wichtigen privaten und öffentlichen Gebäude wurden entlang dieses Boulevards angelegt: das Rathaus (1855), das Gericht (1876), die Unterpräfektur (1878), die Handelsbörse (1878), die Stadtsparkasse (1883), die maritimen Unternehmen, die Kreditinstitute usw. Auf dem 1868 erbauten Boulevard François 1. entstanden die Hotels der Reeder und die Hotels für die Reisenden. Er wurde mit dem Boulevard Maritime verbunden, an dem man das Kasino Marie-Christine (1882) und reiche Villen mit Blick auf das Meer finden konnte. Der Hafen entfernte sich von der Stadt, denn mit dem Aufkommen der Dampfschiffe, der ständig grösser werdenden Schiffe aus Metall und den immer größeren Tonnagen  der Handelswaren wurden neue Hafenbecken benötigt (Vauban, Eure, Docks und Bellot Becken). Die Bevölkerung wuchs von 100.000 Einwohnern 1880 auf 170.000 Einwohner 1914 an.

 

Slideshow

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Le Havre um 1657.
Plan der Stadt Le Havre von 1838
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